Mettlach · Saarland · gegr. 1748
Villeroy & Boch Porzellan
Vom lothringischen Fayence-Betrieb zum europäischen Keramikkonzern — mit Mettlach-Steinzeug als Sammler-Herzstück.
Villeroy & Boch entstand 1836 aus der Fusion zweier Familienunternehmen. Heute bekannt für Alltagsgeschirr, liegt der Sammlerwert vor allem im historischen Mettlach-Steinzeug des 19. Jahrhunderts.
Villeroy & Boch gehört zu den wenigen europäischen Keramikherstellern, die seit dem 18. Jahrhundert ununterbrochen produzieren. Was heute vor allem als Marke für Badkeramik und Alltagsgeschirr bekannt ist, hat eine historisch vielschichtige Produktionsgeschichte, die für Sammler und Erben erhebliche Konsequenzen hat: Der Name allein sagt wenig über den Wert eines Stücks aus. Entscheidend ist, wann und wo es gefertigt wurde.
Geschichte
Die Anfänge liegen nicht in Deutschland, sondern in Lothringen. François Boch gründete 1748 in Audun-le-Tiche eine Fayence-Manufaktur, die sich rasch ausbreitete. Parallel dazu betrieb die Familie Villeroy seit 1791 ein Werk in Vaudrevange (heute Wallerfangen). Die eigentliche Unternehmensgeschichte, die Sammler kennen müssen, beginnt jedoch 1836: In diesem Jahr fusionierten die Familien Villeroy und Boch ihre Betriebe zu einem einzigen Unternehmen mit mehreren Standorten im Saarland, in Lothringen und in Sachsen.
Das Herzstück wurde das Werk in Mettlach, das bereits seit 1809 in Betrieb war — in den Gebäuden einer ehemaligen Benediktinerabtei. Hier entwickelte Villeroy & Boch ab den 1840er Jahren jene Steinzeugwaren, die bis heute unter dem Begriff „Mettlacher Ware” oder „Mettlach Steins” international bekannt sind. Technisch prägend war das sogenannte Einlageverfahren (Chromolithographie auf Steinzeug), das farbige Dekore ohne aufgemalten Überzug ermöglichte — ein Qualitätsmerkmal, das die Produkte von der günstigen Massenware unterschied.
Um 1900 beschäftigte der Konzern mehrere tausend Mitarbeiter und exportierte massenhaft in die USA und nach Großbritannien. Dieser Exportmarkt erklärt, warum Mettlach-Krüge heute auf amerikanischen Auktionen häufiger auftauchen als auf deutschen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich Villeroy & Boch zunehmend auf industriell gefertigtes Alltagsgeschirr, Sanitärkeramik und Fliesen. Die historischen Steinzeug-Serien liefen aus. Das Unternehmen blieb in Familienbesitz und ist bis heute börsennotiert.
Stempel und Datierung
Für die Wertbestimmung ist die genaue Identifikation des Stempels unverzichtbar. Villeroy & Boch verwendete je nach Standort, Epoche und Warentyp sehr unterschiedliche Markierungen.
Der bekannteste und sammelrelevanteste Stempel ist der Mettlach-Turm: ein stilisierter Abteiturm, oft begleitet von einer vierstelligen Modellnummer und einem zweistelligen Jahreszahl-Code. Dieser Code folgt einem internen Nummerierungssystem, das Experten nutzen, um Produktionsjahre auf das genaue Jahr einzugrenzen — Tabellen dazu sind in der Fachliteratur gut dokumentiert.
Ab etwa 1874 ergänzte ein geflügelter Merkurkopf den Stempel auf Exportware. Dieser „Mercure-Stempel” signalisiert meist höhere Exportqualität und taucht vor allem auf Krügen, Humpen und Ziertellern auf.
Nachkriegsware trägt schlichte Schriftzug-Stempel, oft mit Länderzusatz wie „Made in Germany” oder „Saar”. Diese Stücke haben in der Regel keinen nennenswerten Sammlerwert.
Gefälschte Mettlach-Krüge existieren auf dem Markt. Erkennungsmerkmale echter Stücke sind das einheitliche Brennbild, scharfe Reliefkanten und die exakte Übereinstimmung von Modellnummer und bekanntem Formenrepertoire. Bei teuren Stücken empfiehlt sich ein Vergleich mit den Katalogen des Keramik-Museums Mettlach.
Marktwert und Sammlerpreise
Die Spanne ist enorm und hängt fast ausschließlich von der Produktionsepoche ab. Modernes Alltagsgeschirr der Marke — Serien wie „Mariposa”, „Palatia” oder „Wonderful World” — erzielt auf Flohmärkten und Kleinanzeigenportalen selten mehr als 20–80 € für ein vollständiges Service, einzelne Teile kaum mehr als wenige Euro.
Anders verhält es sich mit historischer Mettlacher Ware. Einfache Bierkrüge mit Reliefdekor aus der Zeit zwischen 1880 und 1910 erzielen typischerweise 150–500 €. Krüge mit dem qualitätvollen Einlagedekor (sogenannte „Etched Steins”) liegen je nach Motiv und Zustand bei 400–2.000 €. Großformatige Prunkhumpen, Wandplatten und figürliche Einzelstücke können 3.000–8.000 € erreichen, in Ausnahmefällen auch darüber.
Besonders begehrt sind Motive mit historischen Szenen, Zunftdarstellungen oder Wappen. Deckellose Krüge verlieren deutlich an Wert; fehlende Originalzinndeckel können durch passende Ersatzteile ergänzt werden, mindern aber den Sammlerwert spürbar.
Worauf Sammler achten sollten
Risse, Absplitterungen am Rand und restaurierte Stellen senken den Wert erheblich — anders als bei manchen Porzellanmanufakturen gibt es bei Mettlach-Steinzeug kaum einen „Liebhabermarkt” für beschädigte Stücke. Die Nachfrage kommt zu einem großen Teil aus den USA, was bedeutet, dass internationale Auktionsplattformen oft bessere Preise erzielen als lokale Auktionstage.
Wer ein Stück aus einem Nachlass bewerten möchte, sollte zunächst Modellnummer und Stempel dokumentieren und mit der publizierten Fachliteratur abgleichen. Das Standardwerk für Mettlach-Sammler ist „Mettlach Steins” von Gary Kirsner, das ein umfassendes Nummernsystem und Preisbewertungen enthält — auch wenn Preisangaben aus älteren Auflagen nach oben korrigiert werden müssen.
Stempel-Varianten und Datierung
Die Bodenmarken von Villeroy & Boch wechselten über die Jahrzehnte. Anhand der Stempelform lässt sich der Entstehungszeitraum oft auf wenige Jahre genau eingrenzen.
Mettlach-Turm-Stempel
ca. 1842–1930
Stilisierter Abteiturm von Mettlach, häufig mit Jahreszahl-Code und Modellnummer. Gilt als wichtigstes Echtheitsmerkmal für Mettlach-Steinzeug.
V&B Mettlach Mercure-Stempel
ca. 1874–1909
Geflügelter Merkurkopf in Kombination mit dem Schriftzug 'Villeroy & Boch Mettlach'; auf Exportware weit verbreitet.
Villeroy & Boch Schriftzug-Stempel (modern)
ab ca. 1950
Vereinfachter gedruckter Schriftzug, oft mit Landbezeichnung und Serienname. Kennzeichnet die industrielle Nachkriegsproduktion.
Dreieck-Stempel Dresden
ca. 1856–1945
Dreieckiges Markenzeichen der Dresdner Produktionsstätte, gelegentlich mit zusätzlicher Brennnummer.
Bemerkenswerte Stücke
Eine Auswahl bedeutender Villeroy & Boch-Arbeiten aus dem Auktionsmarkt.
- Mettlach-Bierkrug mit Reliefdekor (Etched Stein) (1890)
Charakteristisches Mettlacher Einlagedekor; Preise je nach Motiv und Erhaltung stark schwankend.
800 € - Mettlach-Plakette mit Jagdmotiv (1885)
Begehrte Wandplaketten erzielen typischerweise 400–3.000 €, Ausreißer nach oben möglich.
- Villeroy & Boch 'Alt Amsterdam' Speiseservice (1960)
Vollständige Servicegarnituren erzielen 150–600 €; Einzelteile kaum gefragt.
- Großer Prunkhumpen 'Vier Jahreszeiten' (1900)
Selten vollständig erhalten; hohe Nachfrage im nordamerikanischen Auktionsmarkt.
4.200 €