Herend · Veszprém · gegr. 1826
Herend Porzellan
Ungarische Hoflieferantin mit über 190 Jahren handbemalter Porzellantradition
Herend, gegründet 1826 in Ungarn, zählt zu den bedeutendsten europäischen Porzellanmanufakturen. Bekannt für filigrane Handmalerei, darunter die Muster Apponyi und Rothschild.
Die Manufaktur Herend wurde 1826 in der gleichnamigen kleinen Gemeinde im westungarischen Komitat Veszprém gegründet, zunächst als bescheidener Betrieb des Töpfermeisters Vince Stingl. Der entscheidende Impuls kam 1839, als Mór Fischer die Manufaktur übernahm. Fischer, ein Unternehmer mit kaufmännischem Instinkt und technischem Ehrgeiz, trieb die Qualität systematisch auf das Niveau der führenden europäischen Häuser. Der internationale Durchbruch gelang auf der Londoner Weltausstellung 1851, wo Herend-Exponate — darunter Auftragsarbeiten für das britische Königshaus — breite Anerkennung fanden. Queen Victoria bestellte in der Folge ein Service in einem Schmetterlings- und Blumendekor, das seither ihren Namen trägt. Diese Verbindung zum europäischen Hochadel prägte das Renommee der Manufaktur nachhaltig.
Geschichte
Fischer führte Herend bis 1874, danach wechselte die Manufaktur mehrfach die Eigentümerschaft, bis sie 1884 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts hinterließen deutliche Spuren: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Herend 1948 verstaatlicht und produzierte fortan unter staatlicher Aufsicht. Der Exportfokus blieb erhalten, da Deviseneinkünfte für die ungarische Planwirtschaft wichtig waren. 1993 wurde die Manufaktur im Rahmen der Privatisierung in eine Mitarbeitereigentümergesellschaft umgewandelt — eine Struktur, die bis heute besteht und der Kontinuität der handwerklichen Produktion zugutekam.
Über 190 Jahre hinweg hat Herend rund 16.000 verschiedene Dekormuster entwickelt und registriert. Die bekanntesten — Apponyi, Rothschild, Victoria, Printemps — entstanden überwiegend im 19. Jahrhundert und werden bis heute nahezu unverändert weitergeführt. Das Apponyi-Muster, charakterisiert durch naturalistisch gemalte Blumen, Schmetterlinge und Insekten auf weißem Fond, geht auf eine Bestellung der Gräfin Apponyi zurück und zählt zu den meistkopierten Porzellandekoren Europas. Das Rothschild-Muster mit seinen exotischen Vögeln und fernöstlich anmutenden Ast- und Blütenzweigen lehnt sich an chinesische Exportporzellane des 18. Jahrhunderts an, wurde von der gleichnamigen Bankiersfamilie in Auftrag gegeben und ist an authentischen alten Stücken am aufwendigsten in der Ausführung.
Stempel und Datierung
Die Datierung von Herend-Porzellan erfolgt primär über die Bodenmarke. Früheste Stücke aus der Stingl-Ära vor 1839 tragen gelegentlich nur eine handgeschriebene Bezeichnung oder gar keinen Stempel — sie sind außerordentlich selten. Unter Fischer etablierte sich ab etwa 1840 ein gedruckter Stempel, der im Laufe der Jahrzehnte mehrfach variiert wurde. Die für Sammler relevanteste Gruppe bilden Stücke mit dem kobaltblauen Wappenstempel und dem Schriftzug „Herend Hungary”, der ab 1891 zur Pflicht wurde, da das Ursprungslandgesetz des US-Marktes eine Herkunftsbezeichnung verlangte.
Zentral für die genaue Datierung sind die vierstellige Dekor- und die dreistellige Formnummer, die in der Regel ebenfalls am Boden eingebrannt sind. Literatur von Gyula Sikota und das offizielle Manufakturarchiv ermöglichen eine Zuordnung dieser Nummern zu Entstehungszeiträumen. Nach 1948 erscheint häufig ein zusätzlicher staatlicher Vermerk; ab den 1970er Jahren wurden Stücke teils mit Goldbuchstaben des Exportmarkets beschriftet. Aufglasurdekor-Retuschen oder moderne Drucktransfers — wie sie gelegentlich bei Imitaten auftauchen — lassen sich unter UV-Licht von echter aufwendiger Handmalerei unterscheiden: Echte Herend-Malerei zeigt unregelmäßige Pinselstrukturen und leichte Relieferhebungen.
Marktwert und Sammlerpreise
Der Markt für Herend-Porzellan ist breit gefächert. Einfache Einzelteile — eine Untertasse, ein kleines Figürchen, eine Butterdose — aus der Massenproduktion des späten 20. Jahrhunderts erzielen auf Flohmärkten und Internetplattformen typischerweise 40–150 €. Der mittlere Markt, bestehend aus vollständigen kleineren Services, qualitätvollen Vasen und Tierfiguren aus der Zeit zwischen 1880 und 1940, bewegt sich zwischen 400 und 2.500 € je nach Dekor, Zustand und Vollständigkeit.
Spitzenpreise werden bei Stücken aus der Fischer-Ära, bei vollständigen großen Tafelservices im Apponyi- oder Rothschild-Dekor sowie bei nachweisbaren Provenienzstücken aus Adelshäusern erzielt. Solche Objekte erreichen auf internationalen Auktionen 8.000–25.000 €. Maßgeblich für die Wertermittlung sind: Dekor (Rothschild und Apponyi führen das Preisfeld an), Entstehungszeitraum (19. Jahrhundert vor 1900 deutlich gefragter als Nachkriegsware), Zustand ohne Chips, Risse oder Restaurierungen, sowie Vollständigkeit bei Services.
Worauf Sammler achten sollten
Herend wird seit Jahrzehnten imitiert, besonders aus asiatischen Manufakturen. Ein zuverlässiges Erkennungsmerkmal ist die Qualität der Pinselführung: Herend-Maler sind speziell ausgebildet, die filigranen Muster aus dem Handgelenk zu setzen. Vergrößerungslinse und UV-Lampe gehören zum Grundwerkzeug. Wer ein geerbtes Stück bewerten lassen möchte, sollte neben Stempel und Dekor auch den Weißton des Scherbens beachten — Herend-Porzellan hat einen charakteristischen warmen, leicht cremigen Grundton, der von anderen Massen abweicht. Für Wertermittlungen empfiehlt sich die Konsultation eines spezialisierten Auktionshauses oder eines auf mitteleuropäisches Porzellan fokussierten Gutachters
Stempel-Varianten und Datierung
Die Bodenmarken von Herend wechselten über die Jahrzehnte. Anhand der Stempelform lässt sich der Entstehungszeitraum oft auf wenige Jahre genau eingrenzen.
Frühstempel mit Pinselschrift
1826–1840
Handgeschriebener Schriftzug "Herend", selten und nur auf frühen Stücken nachweisbar
Gedruckter Schriftzug mit Wappen
1840–1860
Erster gedruckter Stempel, kombiniert mit ungarischem Wappen; Qualitätsschwankungen in der Ausführung
Blaues Wappenzeichen mit "Herend Hungary"
1891–1940
Kobaltblauer Aufglasurbrand mit stilisiertem Wappen und Schriftzug "Herend Hungary"; gängigster Stempel auf Sammlerstücken
Moderner Exportstempel
1941–heute
Varianten mit Zusätzen wie "Made in Hungary" und zweistelliger Formernummer; nach 1948 mit staatlichem Zusatzeintrag
Bemerkenswerte Stücke
Eine Auswahl bedeutender Herend-Arbeiten aus dem Auktionsmarkt.
- Apponyi-Tafelservice (24-teilig) (1880)
Seltene vollständige Garnitur im grünen Apponyi-Muster, Auktionserlös Mitteleuropa
18.000 € - Rothschild-Vogeldekor-Vase (1865)
Aufwendige Tiernaturszene, ehemals Wiener Privatsammlung
7.500 € - Victoria-Muster-Teeservice (1900)
Nach der britischen Königin benanntes Schmetterlings- und Blumendekor
3.200 € - Fischer-Mór-Signaturstück (1851)
Einzelstücke aus der Ära des Gründers Mór Fischer erzielen Höchstpreise; Schätzwerte stark vom Erhaltungszustand abhängig